2002 | Herr Puntila und sein Knecht Matti

Zum Stück

Der Gutsbesitzer Puntila trinkt gern und übermässig. Da fühlt er sich den Menschen verbunden. Selbst sein Schofför Matti wird da zu seinem Freund. – Nun soll Puntilas Tochter mit einem läppischen Attaché verheiratet werden. Während der Verlobungsfeier aber annulliert Puntila im Rausch diesen Plan und macht Matti zu seinem Schwiegersohn. Der aber kennt seinen Herrn: Nüchtern betrachtet wird alles wieder anders aussehen. – Letztlich wird Matti den Hof verlassen müssen, da es für ihn kein Zusammenkommen geben kann zwischen arm und reich.

Hella Woulijoki erzählte Bertolt Brecht, der wegen dem Krieg in Finnland Zuflucht fand, ihre Geschichte «Sägemehlprinzessin». Brecht nahm das Stück an sich und machte eine eigene Fassung. Zuletzt schlug man beides zusammen, und das Ergebnis ist das vorliegende Stück «Der Herr Puntila und sein Knecht Matti».

Tagebucheintrag von Bertolt Brecht, während er in Finnland am «Puntila» arbeitete:
16. September 1940
«…es wäre unglaublich schwierig, den gemütszustand auszudrücken, in dem ich am radio und in den schlechten finnisch-schwedischen zeitungen der schlacht um england folge und dann den PUNTILA schreibe. dieses geistige phänomen erklärt gleichermassen, dass solche kriege sein können und dass immer noch literarische arbeiten angefertigt werden können. der puntila geht mich fast nichts an, der krieg alles; über den puntila kann ich fast alles schreiben, über den krieg nichts. ich meine nicht nur «darf», ich meine auch wirklich «kann». es ist interessant, wie weit die literatur, als praxis, wegverlegt ist von den zentren der alles entscheidenden geschehnisse.»

Hella Woulijoki schrieb an Johannes Schleunig (Wolgadeutscher, evangelischer Bischof) am 13.12. 1948 folgende Zeilen:
«… Das Stück, das ich 1940 zusammen mit Bert Brecht geschrieben habe, ist mein letztes. Ich bin keine besondere «proletärische» Dichterin geworden. Der Brecht hat meine ziemlich zahme bourgeoise Komödie ein wenig proletärisiert und mit grossem Erfolge.»

Bertolt Brechts Anmerkungen zum Volkstück aus Anlass seines «Puntila»
«Das Volksstück ist für gewöhnlich krudes und anspruchsloses Theater, und die gelehrte Ästhetik schweigt es tot oder behandelt es herablassend. Im letzteren Fall wünscht sie es sich nicht anders, als es ist, so wie gewisse Regimes sich ihr Volk wünschen: krud und anspruchslos. Da gibt es derbe Spässe, gemischt mit Rührseligkeiten, da ist hanebüchene Moral und billige Sexualität. Die Bösen werden bestraft, und die Guten werden geheiratet, die Fleissigen machen eine Erbschaft, und die Faulen haben das Nachsehen. Die Technik der Volksstückschreiber ist ziemlich international und ändert sich beinahe nie. Um in den Stücken zu spielen, muss man nur unnatürlich sprechen können und sich auf der Bühne in schlichter Eitelkeit benehmen. Es genügt eine tüchtige Portion der gefürchteten Routiniertheit des Dilettantismus.»

Max Frisch schreibt zu Bertolt Brecht:
«Brecht auf der Bühne: immer etwas geniert, als gehörte er da nicht hin; trotzdem sah man die besondere Geste, die er wünschte und die er nicht vormachen konnte, die er bestenfalls parodierte, sofort und genau.
Ich hatte schon einige Regisseure gesehen. Was war anders?
Er konnte unschlüssig sein. Was heute nicht geht, vielleicht geht’s morgen oder übermorgen, wenn man sich heute nicht abfindet, wenn man die Unbefriedigtheit aushält und nicht vorgibt zu wissen, wie und ob es jemals gehen wird. Probieren: forschen.»



Zur Inszenierung
Wer den «Puntila» inszeniert, nimmt es mit Schwergewichtlern auf: Mit der Hauptfigur Puntila, die unmässig genusssüchtig, egoman und ausufernd ist und mit seinem Dichter Berthold Brecht, der sich als Freund seines eigenen Menschenbildes präsentiert. Zudem spielt Brecht sich gern als Verfechter der wahren Gerechtigkeit auf, als Advokat des kleinen Mannes und als Prophet seiner eigenen Theatertheorie.

Wie ich nun in Stans mit der Arbeit begann, kamen sie, Puntila und Brecht, auf mich zu. Ich war mit der ganzen Crew auf der Bühne am Arbeiten, da stürzten sie sich die beiden auf mich. Puntila lud mich gleich zu einem Schnaps ein. Er zwang mich förmlich zum Trinken. Bald waren wir gemeinsam daran, Regeln und Ordnungen zu brechen. Währenddessen stand Brecht schulmeisterlich hinter mir und gemahnte mich, an der eigentlichen Geschichte vom «Herrn und Knecht» dranzubleiben. Auch müsse ich unbedingt beachten, dass das Publikum zum Denken und nicht zum Vergessen angeregt werden solle. Mehrmals fragte er mich, wie ich es denn persönlich mit dem Ideal der gerechten Gesellschaft hätte. Ich kam nicht zum Antworten, denn Puntila hatte inzwischen immer wieder nachgeschenkt. Ich kippte beflissen seinen «Aquavit» und schwankte schon. Nun wollte ich Brechts Frage endlich beantworten, doch da streckte mir Puntila zum Zeichen seiner Freundschaft seine Geldbörse zur Verwahrung entgegen und bot mir Mattis Stelle an. Er, Puntila, brauche eben einen Schofför, einen Matti. Da sei nichts zu machen. Der alte Matti hätte eben gekündigt, schade, aber das gäbe es eben und ich sähe dem Matti doch ähnlich. Ich sei doch so ein echter Matti-Typ.
Ich, ein Matti-Typ, fragte ich und sah nach Brecht. Dieser nickte ebenfalls bejahend. In diesem Punkt waren sich Puntila und Brecht also einig. Sie hoben ihre Gläser und posaunten im Chor: «So wie ich bin, gibt es keinen zweiten. Und ich bin gut – nein, der beste!». Synchron tranken sie in einem Zug ihre Gläser leer.
Ich stand auf und verliess die Bühne. Brecht und Puntila tranken grölend weiter. Was ist denn ein Matti-Typ? Und wie steht es mit der Gerechtigkeit? Zum Glück kommen nun Sie, liebes Publikum. Ich gebe Ihnen gerne die Bühne frei. Sehen Sie selbst und amüsieren sie sich. Es nennt sich im Untertitel «Ein Volksstück».

Nachtrag: Wenn ich zuhause ankomme, werde ich Puntilas Geldbörse in meiner Jackentasche finden. Und was mache ich dann mit ihr? Aber dem Brecht werde ich die Antwort auf seine Frage nach der Gerechtigkeit schriftlich geben, das schwör ich Euch!

Hannes Leo Meier, Regisseur

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