2001 | Don Gil von den grünen Hosen

Programmheft
Programmheft

Die Stanser Version des "Don Gil"

Mit der Stanser Mundartfassung des "Don Gil" verfolgten wir drei Ziele: Wir reduzierten Tirso de Molinas ursprünglichen Textumfang, um mehr Raum für das Spiel zu gewinnen. In der Übertragung in die Mundart suchten wir nach einer sprachlichen Qualität, die sowohl einen historischen Anklang haben kann, wie auch dem heutigen Sprachverständnis nahe liegt. Aus dem dramaturgischen Blickwinkel betrachtet, veränderten wir das Stück insofern, dass drei Polizisten, welche in der Urversion nur in der letzten Szene auftreten, in der Stanser Fassung nun eine stücktragende und handlungstreibende Funktion erhalten und als Frauenrollen umgesetzt sind. Mit diesen Neuerungen schaffen wir eine Brücke, die den barocken Stoff noch intensiver mit der Gegenwart verbindet.

Als Hüter des Gesetzes verkörpern die drei Polizistinnen, - ähnlich der göttlichen Macht, die in den barocken Theatern immer wieder von grosser Bedeutung ist (z. B. "Welttheater" von Calderón de la Barca), - die Sehnsucht des Menschen, sein Wesen und seine Bestimmung, wie auch Recht und Unrecht unfehlbar zu definieren. Das Oben und Unten soll geklärt werden. Das Rätsel des Menschen soll gebannt und die Kraft der Libido gezähmt sein. Dieses Herstellen und Bewahren von Ordnung ist für die drei Polizistinnen der fast einzige lebensspendenden Trieb.

Die Charaktere aller anderen Figuren des Stücks agieren wie Feuer und Wasser. Sie lassen ihren Trieben freien Lauf. Sie handeln aus Lust, Liebe und Sehnsucht, aus Gier, Rache und Neid. Was die Polizei rechtsprechend eindämmen und verfolgen möchte, gilt hier als eigentlicher Motor für das Geschehen. Gerecht ist, was Lust bereitet, Recht ist, was nützt.

So muss Tirso de Molina sein Lust-Spiel verstanden haben: Als Gegensatz, als Widerstreit im Menschen selber. Wir Menschen wollen das Reine und Vollkommene, sind jedoch angetrieben von sonderbar lustvollen Kräften und Mächten, die schlecht einer kopfigen Ordnung gehorchen wollen. Und so lässt sich auch vierhundert Jahre später die Lust an der Lust, die Macht des Eros, sowie die Gier nach dem Geld immer noch nicht zähmen. Der Mensch kann nicht in die "Ordnung" geführt werden. Darum sind die drei Polizistinnen immer noch unterwegs, den Fall "Don Gil" zu lösen. Immer und immer wieder.

Hannes Leo Meier



Zur Inszenierung

Die Intensität barocker Sichtweise soll in unserer Aufführung sichtbar werden. Sinnlich und in einem intensiven Rhythmus soll sich der Abend erzählen. Das Jugendliche, das Quirlige, das Aufgepeitschte, das Aufgekratzte wie auch die Lust an der Grenzerfahrung, das sind die Motoren der Figuren um Juana. Die Polizistinnen dagegen spiegeln das Träge, Behäbige, das Faktische. Bauch und Kopf treffen aufeinander, Libido und Ratio begegnen sich.

Auf der barocken Seite, innen, ist der Bühnenraum kahl. Durch das Lichtkonzept, welches auf Licht und Schatten setzt (Ribera, EI Greco, Velázquez, ...), sowie die Bewegung der Wandelemente, können Räume und Stimmungen gezaubert werden. Über die Kargheit hebt die Bühne die Figuren (verloren als labil definiertes Selbst) in ihrer Nacktheit ins Zentrum. Dieses Gefühl der Verlorenheit wiederum evoziert in den Figuren eine (barocke) Überaktion, die den oben beschriebenen Lebens-, Liebes-, Spass- und Vitalitätsdruck gebiert und nährt.
Auf der heutigen Seite, aussen, im Bühnenraum der Polizistenwelt, gibt es alles was man braucht. Jedes Ding hat seinen Nutzen, das Licht kann ein- und ausgeschaltet werden. Die Welt ist klein, wohlgeordnet und abgezirkelt. Für alles gibt es eine Aufhängung, alles kann notiert und protokolliert werden - fast alles, jedenfalls.
In den Kostümen haben wir das üppige Element des Barock aufgenommen, ohne dem Zwang des Historischen folgen zu müssen. Zentral scheint uns die Typisierung der Geschlechter durch ihre Kleidung. So werden die Frauen in ihren voluminösen Gewändern zu trägen Schau-Objekten degradiert. Die Männer, zudem bewaffnet, haben da mehr Spielraum. Diese Freiheit macht sich Juana ja mit grösstem Genuss zu Nutze. Die Musik wiederum verbindet heutiges Klangverständnis mit barocken Elementen aus dem Spanien vor vierhundert Jahren. Das Herkunftsland des Stückes ist also auch hier wieder zu erkennen, denn es steht als Metapher für südliche Hitze und feurige Liebe. Die Kampfszenen und -choreografien sind ein Mittel, das Überschäumende und Hitzige hinaus über den Wortstreit manifest zu machen, da wo das Herzblut wirklich fliesst.
Die Brutalität, Gefährlichkeit und die Absurdität der liebestollen Verrücktheit, wie auch die schamlose Lust, in einer dem ICH übergestülpten Figur die Realität zu verändern und zu formen (gottähnlich), wird in Kombination mit der Tragik der letztlich in sich doch gefangenen Figuren ins Komische überhöht. Wenn sich am Schluss alle Paare finden, und die Polizei ihren Auftrag dennoch nicht nach ihrem Gutdünken zu erfüllen vermochte, kann die Frage gestellt werden: Wieviel Ordnung braucht das Durcheinander? Wieviel Abgrenzung das Fliessende? Was ist männlich und was ist weiblich? Sind die Linien hier so klar zu ziehen? und - Hand aufs Herz: Was erachten wir als lebenswert? Das barock-üppige Pralle, gefüllt von Lust und Schmerz oder das normiert und eingefriedet Biedere, prall an Verordnungen, Eingrenzungen und Bandagen?

Hannes Leo Meier, Regisseur

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