2001 | Knock oder der Triumph der Medizin

Programmheft
Programmheft

Knock kommt in einen blühend gesunden ländlichen Distrikt, in dem sein Vorgänger nur äußerst selten Patienten zu kurieren hatte. Nach wenigen Monaten ist der ganze Bezirk in ein einziges Krankenhaus verwandelt und Knock absoluter Herr über alle Seelen. Im ersten Augenblick glaubt man, einem alten Schwank gegenüber zustehen. Das alte Thema vom Arzt und Kurpfuscher und von den dummen leicht zu betrügenden Patienten wird mit Molièrescher Grausamkeit durchgeführt, und gespielt wird es mit all dem ausgelassenen Karikieren, dem tollen Schwung, die dem französischen Farcenspiel von jeher eigen war. Freilich, dieser Doktor Knock ist keine Molièregestalt, sondern ganz und gar das Geschöpf eines ebenso genial originellen wie modernen Dichters. Denn Knock ist kein gewöhnlicher Kurpfuscher, der Leute betrügt, um Geld zu verdienen. Sondern es treibt ihn ein wahrhaft napoleonischer, ein dämonischer Machthunger. Dabei werden die Menschen, die er sich unterjocht, indem er sie mit ungeheurer komischer Suggestionskraft förmlich verhext, nicht nur unglücklich, indem sie ihre Gesundheit einbüßen. Sie werden gleichzeitig und fast in höherem Maße auch beglückt, da sie vorher nur instinktiv und alltäglich hinlebten, während sie jetzt alle Emotionen und Genüsse des Sichbeobachtens und Sichwichtigseins auskosten.

Victor Klemperer, Die moderne französchische Literatur und die deutsche Schule, Berlin 1925

Seite teilen
Auf Facebook besuchen
 
© Theatergesellschaft Stans 2018   |   Impressum   |   Seite drucken
Helfer gesucht
Hast du Lust bei uns aktiv mitzuhelfen?
mehr dazu...
Theaterblatt

Unser aktuelles Theaterblatt liefert Ihnen viele interessante Informationen rund um die Theatergesellschaft Stans.
Zur Download-Seite...