1994 | Volpone

Programmheft
Programmheft

Auf den Gedanken, den "Volpone" Ben Jonsons für die deutsche Bühne zu erneuern, kam ich auf sonderbare und ganz zufällige Art. Ich war im Herbst vergangenen Jahres mit der Ausarbeitung einer grösseren Novelle, "Verwirrung der Gefühle", beschäftigt, die thematisch dem elisabethanischen Drama verbunden ist; so blätterte ich zur Verdeutlichung der Erinnerung eine Kulturgeschichte nach und las in der lang vergessenen Geschichte der englischen Literatur von Taine jenen Abschnitt. Dort fand ich zum erstenmal die Inhaltsangabe von Ben Jonsons "Volpone", die mich sehr amüsierte, und wo immer ich ein Werk über jene Zeit aufschlug, immer und überall fand ich den "Volpone" als ein satirisches und realistisches Meisterwerk höchsten Ranges gerühmt. Sonderbar, dachte ich, dass eine so klassische Komödie, von den Klügsten gerühmt, von den Zeitgenossen so gefeiert, niemals auf deutscher Bühne erschienen ist! Ich liess mir das englische Buch kommen.
Die Gestalt Volpones vor allem, dies "malade imaginaire", der sich nur krank stellt, dieses "avare", der habsüchtig, aber nur für andere krank ist und nicht für sich selbst, dieses Boshaften ohne jedes Warum und Weshalb, der boshaft ist aus reiner Freude an der Bosheit und mit seiner Narrheit die andern zu Narren macht - diese Figur und ihre Auswirkungen amüsierten mich sehr, und ich stellte mir’s vergnüglich vor, einmal rasch und leicht eine ganz lockere freie Bearbeitung in Prosa vorzunehmen.
Als ich meine eigene Arbeit getan hatte, fuhr ich dann auf zwei Wochen nach Marseille, meiner Lieblingsstadt, und steckte mir das englische Original in den Koffer, um dort an der helleren Corniche oder in der hermetischen Stille eines Hotelzimmers mich an dieser Erholung arbeitend zu vergnügen. Aber ärgerlich: als ich ankam, merkte ich, dass ich das englische Original gar nicht mitgepackt hatte, wie ich vermeinte; ungefähr hatte ich alle Szenen jedoch in Erinnerung, und so schrieb ich in einem Ruck, sehr vergnügt und sorglos, die Arbeit in einer lockeren Prosa nieder, in der Absicht, sie dann daheim mit dem Original zu vergleichen und in seinem Sinn zu ergänzen. Es machte mir sehr viel Spass, dieses vollkommen freie, sorglose und übermütige Szenen-Finden - als ich aber dann heimkam und die Bearbeitung mit dem Original verglich, merkte ich, dass sich in der Erinnerung und im Unbeherrschbaren der Produktion vieles vollkommen verschoben und verändert hatte, dass dem Original sogar einzelne Figuren entlaufen, andere wieder dazugekommen waren und sich alles rings um den geliebten Volpone selbst masslos verwandelt hatte.
Nun, da gab’s nichts mehr zurückzudrehen und ein wenig verlegen zeigte ich dies gesprenkelte Kuckucksei, das ich mitten in meiner Arbeit plötzlich gefunden hatte, einigen Freunden. Die erstaunten, in dieser lieblosen und freien Komödie nichts vom dem "sittlichen Ernst" und der leidenschaftlichen Gründlichkeit zu finden, die angeblich meine anderen Werke auszeichnet, aber sie beschworen mir ehrlichst, sich äusserst gut bei der Lektüre amüsiert zu haben. Einige Schauspieler wiederum waren der Meinung, es enthielte abwechslungsreiche Rollen - so bleibt nur noch das Publikum. Und wenn dieses sich in den drei Stunden bei dieser altneuen Komödie nur halb so gut amüsiert als ich in den zehn Tagen des Umgestaltens, so will ich zufrieden sein.
Stefan Zweig, "Neue Zürcher Zeitung", 28. September 1927


GEDANKEN DES REGISSEURS
Täglich erreichen uns Geschichten über Skandale, Betrügereien, Schiebungen, Korruption und Hass. Liebe, Friede, Menschlichkeit und Moral, diese grossen Worte scheinen nichts anderes zu sein, als ein Traum der Dummen.
Blauäugig glauben wir an das Gute im Menschen. Intuitiv verstehen wir aber, dass die Welt aus der Spannung der Gegensätze lebt.
Auch Theatergeschichten werden durch Widersprüche zusammengehalten. Theater und Leben scheinen denselben Gesetzmässigkeiten zu gehorchen.
Ich habe Lust, diese komplizierten Verhältnisse in der Versuchsanordnung "Theater" zu untersuchen und zu entschlüsseln. Aus der so gewonnenen Distanz zum real existierenden Welttheater erhoffe ich mir den ungetrübten, freien Blick auf die Komödie "Leben". Da kommt mir "Volpone", dieser Betrüger, der andere Betrüger entlarvt und schliesslich selbst betrogen wird, gerade recht. Der Handlungskern geht auf die Tierfabel vom schlauen Fuchs zurück, der sich todstellt, um Aasfresser anzulocken, die ihm sodann zur leichten Beute werden. Deutlichen Bezug auf diese antike Fabel nehmen die sprechenden Namen der handelnden Personen.
Es macht mir Spass, für einmal ohne rosarote Brille der menschlichen Niedertracht und Lieblosigkeit direkt ins Gesicht zu schauen. Denselben Spass soll auch das Publikum haben und gleichzeitig erkennen, dass dieser Welt nur mit der Komödie beizukommen ist.
Peter Züsli

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